Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds PP001-118892: "Das Russische als slavische ‹langue étalon› im 19. Jahrhundert" (1. 2. 2009 - 31. 1. 2013)

Leitung: Prof. Dr. M. Giger 

 

Hintergrund

Die Nationenbildung einer Reihe von slavischen Völkern im 19. Jhdt. (‘nationale Wiedergeburt’) ist gekennzeichnet durch einen intensiven Austausch mit anderen slavischen Völkern und Sprachen (‘slavische Wechselseitigkeit’, Panslavismus) und steht im Zusammenhang mit anderen nationalen Bewegungen der entsprechenden Zeit wie der deutschen oder der italienischen und mit dem kulturellen Phänomen der Romantik.

Diese Prozesse sind bei den betroffenen slavischen Völkern gekennzeichnet durch einen eigentlichen „Linguozentrismus“, d. h. eine Konzentration auf Frage der Pflege von Sprache und Literatur. Dies bedeutet im Bereich der Sprache stets intensive Bemühungen um eine Aktualisierung der kodifizierten Norm und um einen Ausbau des Wortschatzes, welche schliesslich der Erweiterung der funktionalen Domänen der jeweiligen Sprache dienen sollen.

Es gilt allerdings verschiedene Gruppen von slavischen Völkern bzw. Sprachen zu unterscheiden: Russland und Polen kennzeichnet eine lange Periode der Staatlichkeit, und die Rekodifikation der Standardsprache ist kein aktuelles Thema. Demgegenüber befinden sich die slavischen Völker der Habsburgermonarchie und des Balkans sowie die Sorben allesamt in einer Situation fehlender Staatlichkeit und ihre Sprachen sind funktional mehr oder minder stark restringiert und bedürfen deshalb in den Augen der engagierten Kreise der Pflege. Betroffen sind also v. a. das Tschechische, das Slovakische, das Sorbische, das Slovenische, das Kroatische und das Serbische sowie das Bulgarische. Eine dritte Gruppe stellen diejenigen slavischen Völker dar, deren Standardsprachen sich erst allmählich oder überhaupt erst im 20. Jhdt. herausbilden, also die Ukrainer, Weissrussen und Makedonier oder Gruppen wie die Rusinen.

Für alle in der zweiten Gruppe aufgeführten Sprachen bildet das Russische im 19. Jhdt. einen zentralen Orientierungspunkt in den Bemühungen um die Rekodifikation der Standardsprache und den Ausbau des Wortschatzes, d. h. die politisch-kulturelle Anlehnung an Russland als dem zu Beginn des 19. Jhdt. einzigen slavischen Staat (ausserdem mit Grossmachtstatus) findet ihren direkten Niederschlag in Sprachkontaktphänomenen: Es ist allgemein bekannt, dass die genannten Sprachen im 19. Jhdt. in grösserem Umfang Sprachmittel aus dem Russischen entlehnt haben. In der bisherigen Literatur stehen überwiegend Lehnwörter im Vordergrund, teilweise auch Wortbildungsfragen. Das vorliegende Projekt beschäftigt sich dagegen mit dem Transfer von Strukturen, welche im morphosyntaktischen Bereich angesiedelt sind. Diese sind bislang nicht umfassend und systematisch untersucht worden.

 

Laufende und geplante Forschung

Im Zentrum steht in einer ersten Phase das Partizipialsystem einschliesslich der Konverben, da in diesem Bereich in allen Empfängersprachen direkter oder indirekter Einfluss des Russischen postuliert wird. Daneben sind für einzelne Sprachen besondere Themen zu untersuchen, z. B. entlehnte bzw. nach russischem Vorbild neu gebildete modale Prädikative und modale Infinitive im Tschechischen, der Auxiliarverbgebrauch im Präteritum im Slovakischen, wiederbelebte (mit dem Russischen übereinstimmende) Formen der Nominaldeklination im Bulgarischen u. a. Die systemlinguistische Analyse geht von einem repräsentativen Beispielkorpus aus und soll morphologische Eigenschaften, syntaktische Funktionen und Frequenz der einzelnen Einheiten möglichst erschöpfend beschreiben. In einer weiteren Phase wird sie durch eine diskurspragmatische Untersuchung der zeitgenössischen kodifikatorischen Texte ergänzt werden, so dass es möglich sein wird, ein Gesamtbild der sich in Kodifikation und Sprachmaterial manifestierenden Rolle des Russischen als slavischer langue-étalon im 19. Jhdt. zu zeichnen.

Bei den in der ersten Phase zu untersuchenden Partizipien und Konverben interessieren neben den auftretenden morphologischen Typen und der relativen Frequenz v. a. die syntaktischen Funktionen (attributiv, sekundär-prädikativ, prädikativ), die Typen von regierenden Nomina, und die Erhaltung von verbalen Rektionen, für die Konverben auch die notorische Frage der Koreferenz des Subjekts mit dem Subjekt des übergeordneten Verbs. Einige Fragen sind verbunden mit dem Problem der Adjektivierung von Partizipien, für welche auch andere (semantische) Kriterien beigezogen werden. Insbesondere ist auch die Frage der Bildbarkeit der einzelnen morphologischen Typen von Verben des imperfektiven bzw. perfektiven Aspekts von Interesse, da hier im 19. Jhdt. in den Einzelsprachen parallele Prozesse abgelaufen sind, welche kaum völlig unabhängig voneinander waren. Gleiches gilt auch für den kodifikatorischen Bann der Verwendung absoluter konverbaler Konstruktionen. In all diesen Fällen sollen die geplanten Untersuchungen auf der Basis eines Beispielkorpus und der zeitgenössischen kodifikatorischen Literatur erstmals eine verlässliche empirische Basis schaffen.

Ziele

Das 19. Jhdt. ist die für Europa entscheidende Phase des Umbruchs zur modernen Gesellschaft. In diese Zeit fällt nicht nur die industrielle Revolution, sondern auch die Konstituierung der meisten modernen Nationen, insbesondere im slavischen Bereich. In diese Zeit fällt jedoch auch die Entstehung der Slavistik als einer modernen philologischen Wissenschaft. Mehr als in anderen Sprachgruppen sind die Konstituierung der Nation und die Etablierung der Standardsprache miteinander und mit der Entstehung der entsprechenden philologischen Disziplin verwoben. Das Russische als die Sprache des numerisch grössten slavischen Volkes und als die Sprache des einzigen slavischen Nationalstaates zu Beginn des 19. Jhdt. spielt dabei für die übrigen slavischen Völker und Sprachen in den konkreten sprachlichen Prozessen eine besondere Rolle. Dennoch sind diese nur rudimentär untersucht, jedenfalls im Bereich der Morphologie und Syntax. Das 19. Jhdt. ist für die slavistischen Einzeldisziplinen in mancher Hinsicht ein Grenzraum: In der Sprachgeschichte ist die Aufmerksamkeit meist auf ältere Abschnitte fokussiert, aber zugleich ist längst nicht mehr alles, was im 19. Jhdt. auftreten konnte, Teil der Norm der modernen Standardsprache und findet entsprechend keinen Platz mehr in deren Beschreibungen.

Das vorliegende Projekt möchte hier eine Lücke schliessen und die Prozesse sowie die Ergebnisse der Beeinflussung der kleineren slavischen Sprachen durch das Russische im morphosyntaktischen Bereich möglichst erschöpfend beschreiben. Zugleich sollen Teilbereiche des grammatischen Systems einer Reihe von slavischen Einzelsprachen im 19. Jhdt. kontrastiv beschrieben und damit in vielen Fällen überhaupt erstmals zugänglich gemacht werden.

Entstehen soll ein Beitrag zur Beschreibung einer Epoche, die ebenso bedeutend ist für das Verständnis der Slavistik als Disziplin wie insbesondere auch für das Verständnis der modernen slavischen Völker und Sprachen als solcher und damit für das Verständnis Europas im 20. und beginnenden 21. Jhdt.

Publikationen

Giger, M. 2008. Partizipien als Exportschlager. Zum Einfluss des Russischen auf andere slavische Sprachen im 19. Jhdt. In: Kosta, P., Weiss, D. (Hrsg.): Slavistische Linguistik 2006/2007. Referate des 32. und 33. Konstanzer Slavistischen Arbeitstreffens. München, 125-152.  (Slavistische Beiträge 464).

Giger, M. 2009. Josef Josefovič Jungmann und das polnische Passiv. In: Berger, T. et al. (Hrsg.): Von grammatischen Kategorien und sprachlichen Weltbildern - die Slavia von der Sprachgeschichte bis zur Politsprache. Festschrift für Daniel Weiss zum 60. Geburtstag. München, 149-164. (Wiener Slawistischer Almanach Sonderband 73)

Giger, M. 2010. Weiteres von den slavischen Partizipien im 19. Jhdt. oder Was für ein Russismus ist das tschechische Partizip Präteritum aktiv? Wiener Slawistischer Almanach 65 (2010), 7-21.

Giger, M. 2010. Příčestí minulé činné na -(v)ší v dnešních českých publicistických textech. Korpus - Gramatika - Axiologie 1 (2010), 2, 3-23.

Giger, M. 2010. Zwei frühe tschechische Übersetzungen aus N. M. Karamzins „Istorija Gosudarstva Rossijskago“. Zeitschrift für Slavische Philologie 67 (2010), 279-312. 

Giger, M. 2011. Die Entstehung des Partizips Präteritum aktiv im Tschechischen und Slovakischen des 19. Jhdt. Erscheint in: Kusse, H., Woldt, C. (Hrsg.): Tschechisch und Slovakisch. Nähe und Distanz. Beiträge zum 4. Bohemicum Dresdense 13. - 14. November 2009. München-Berlin, 135-146. (Specimina Philologiae Slavicae 163)

Giger, M. 2011. Grammatikalisierung, Sprachtypologie und intentionaler Sprachkontakt. In: Boček, V., Vykypěl, B. (Hrsg.): Libellus memorabilis Jaroslao Popelæ, linguistæ diligenti, octo et octogenario ab amicis oblatus. Brno, 9-13.

Ulrich, S. 2011. On the Trail of the Serbian Present Active Participle. In: Karl, K. B. et al. (Hrsg.): Beiträge der Europäischen Slavistischen Linguistik (POLYSLAV) 14. München, 254-263. (Die Welt der Slaven. Sammelbände/Сборники 43)

Giger, M. 2013. Participiální systém češtiny a pozice příčestí minulého činného na -(v)š- v něm. In: Čmejrková, S., Hoffmannová, J., Klímová, J. (eds.): Čeština v pohledu synchronním a diachronním. Stoleté kořeny Ústavu pro jazyk český. Praha, 567-574.

Giger, M. 2013. Polnisch und Russisch als standardsprachliche Muster für das Tschechische im 19. Jhdt. In: Velmezova, E. (éd.): Contributions suisses au XVe congrès mondial des slavistes à Minsk, août 2013. Bern etc. 2013, 63-79. (Slavica Helvetica 83)

Giger, M., Sutter, K. 2014. Transparency of morphological structures as a feature of language contact among closely related languages: Examples from Bulgarian and Czech contact with Russian. In: Besters-Dilger, J. et al. (eds): Congruence in contact-induced language change. Language families, typological resemblance, and perceived similarity. Berlin-Boston (2014), 352-367. (Linguae & litterae 27)