A. Zink in der BaZ: Tatort Moskau

11.10.2006 14:30

Die Russen-Krimis kommen – speziell die Damen sind aktiv

Quelle: Basler Zeitung, 11. Oktober 2006

 

Krimis spiegeln die politischen und die privaten Umbrüche im postkommunistischen Russland: Während der Mann als Dekoration oder am Herd herumsteht, kämpft die Gattin als Detektivin gegen die Mafia, die Korruption oder die Pharma-Industrie.

Seit 15 Jahren boomt der russische Krimi. Im Sozialismus führte er hingegen ein Schattendasein. Und dieser Wandel, diese rasante Entwicklung verheisst aus westlicher Perspektive Gutes, denn allein schon die Präsenz des Genres ist Indiz einer Zivilgesellschaft. Verbrechen kommen zwar vor, werden aber im Krimi öffentlich verfolgt und notwendig auch bestraft. An diesem sicheren Schema freuen sich die ebenso sicheren Leser.

Die Belletristik kümmert sich › dank gleichzeitiger Aufhebung der Zensur › nun ganz ungeniert um dubiose Gestalten und ihre Machenschaften. Nach wenigen Jahren Demokratie reisst man sich in Moskau, St. Petersburg, an den Schwarzmeerküsten und in Sibirien vor allem um zwei literarische Waren: um Storys über Love und Crime. Allein die optische Aufmachung der Bücher, die in russischen Städten an unzähligen Ständen und auf kleinen improvisierten Tischen in U-Bahn-Eingängen feilgeboten werden, belegt diese Vorliebe. Es dominiert das grellfarbene Taschenbuch, den Einband zieren umschlungene Körper, Pistolen oder erschreckte Gesichter mit dem obligaten «mobilni» am Ohr.

Krimi-Zarin. Dieser Höhenflug der Unterhaltungsliteratur beginnt in den frühen 90er Jahren mit den Krimis von Alexandra Marinina. Noch immer wird sie als «Zarin des russischen Kriminalromans» gehandelt. Marinina › das ist ihr Vorteil › weiss genau, wovon sie spricht. Sie kennt die Moskauer Polizei von innen.

Die promovierte Juristin mit einem besonderen Interesse am Seelenleben von Wiederholungstätern arbeitete mehrere Jahre lang in der höheren Polizeischule von Moskau. Diese Institution verliess sie 1998 im Rang eines Oberstleutnants, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Die Jagd nach den Tätern delegierte sie fortan an ihre Heldin: die Detektivin Anastasija Kamenskaja.

Kamenskaja gehört zum Typus der analytischen Spürhunde. Sie ist Mitte 30, agiert selbstständig, trägt vorzugsweise Jeans und nimmt als einziges alkoholisches Getränk ab und zu einen Martini zu sich. Rein dekorative Funktion hat ihr rothaariger Freund und späterer Mann Ljoscha.

In der Konzeption der Figur Kamenskaja verbinden sich die persönlichen Erfahrungen der Autorin mit einem feministischen Anspruch. Das Denken ist Sache der Frau, während Ljoscha, obwohl von Beruf Mathematiker, hauptsächlich kocht.

Das logische Denkvermögen der Heldin wird auch von der Leserschaft gefordert. Marininas Krimis sind allesamt anspruchsvolle, packende Rätsel, sie machen mit einem weitgehend unlustigen Moskauer Alltag bekannt, ohne moralinsauer zu wirken, und geben Einblick in die korrekten oder auch korrupten Praktiken der staatlichen Justiz- und Polizei-Behörden.

Mit Marinina lernen die Leser die gesellschaftlichen Konsequenzen des Umbruchs in Russland kennen. Jeder neue Band ihrer Serie dokumentiert die fortschreitende Macht des Geldes, den Zerfall herkömmlicher Werte und die sich öffnende soziale Schere. Kamenskajas Fälle können als Stenogramm der politisch-gesellschaftlichen Transformation in Russland gelesen werden.

Konkurrenz-Krimi. Seit mehreren Jahren muss sich Marinina gegen ernstzunehmende Konkurrenz durchsetzen. Der Titel einer Krimi-Zarin wird mittlerweile auch an andere Autorinnen, vorzugsweise an Polina Daschkova vergeben. Daschkova hat zwar keine juristische Ausbildung genossen, dafür aber am legendären Moskauer Literaturinstitut studiert. Das merkt man. Sie schreibt spannend, emotional, kann Gänsehaut erzeugen.

Dabei konzentriert sich die Autorin vor allem auf die Privatsphäre ihrer Figuren. Mit Daschkova dringen die Leser in die Moskauer Häuser, die Aufgänge, die Wohnungen ein, sie werden mit dem lebensweltlichen Alltag und seinen Tücken bekannt gemacht. So etwa, wenn die Journalistin Lena Poljanskaja ihren Müll auf dem Treppenabsatz entsorgt und die Wohnungstür dabei sträflich offen stehen lässt › dieser ausgelagerte Müllschlucker gehört zu den typisches Merkmalen russischer Hochhäuser ›, wenn die Falle also zuschnappen kann.

PHARMA-KRIMI. Im Zentrum von Daschkovas Krimis stehen häufig Frauen und ihre Sorge um die Kinder. In Lenas Flucht muss sich die schwangere Lena gegen die Pharma-Industrie und ihre Helfershelfer wehren: Sie benötigen Embryos für ihre Forschung und gewinnen die Objekte durch zwanghaft eingeleitete künstliche Wehen.

Das Frauenbild wirkt etwas traditioneller als bei Marinina, aber Daschkova kehrt nicht zum Heimchen am Herd zurück, und einige wenige kitschige Passagen können der auf knappem Raum komprimierten Spannung letztlich nichts anhaben.

Daschkovas Krimis sind kurz und dicht. Ihre Beobachtungen des Einheimischen und Fremden, darunter der zahlreichen Russen in Brighton Beach und der seltsamen Essgewohnheiten der Amerikaner › Bratkartoffeln und Hotdogs in der U-Bahn trotz Gesundheitspropaganda › treffen ins Schwarze.

KRIMI-Ironie. Die dritte im Bund der starken Krimifrauen heisst Darja Donzowa. Ihre Eigenheit liegt im Stil. Donzowa setzt auf Spott, Ironie, Humor. Damit bricht sie mit einer als «typisch russisch» verkauften literarischen Tradition, mit Tiefsinn und Moral › und füllt eine Marktlücke: Denn Komik fand in die offizielle Literatur des Sozialismus kaum Eingang.

Donzowa nutzt die historische Chance für direkten Humor. Bereits das Setting ihrer Geschichten um die Ich-Erzählerin Dascha trägt zur Heiterkeit bei. Dascha, von Beruf Französischlehrerin, zufällig zu Wohlstand gelangt und von neugierigem Charakter, blickt ohne Wehmut auf vier gescheiterte Ehen zurück. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in einem grossen Haus am Stadtrand von Moskau. Zwei nicht-leibliche Kinder, Schwiegertochter, Schwiegermutter, zwei Enkel und viele Hunde machen den Alltag zu einem fröhlichen, dauernden Chaos.

Diese Ausgangslage ist keineswegs unrealistisch › bis auf den Reichtum der Heldin handelt es sich um eine durchschnittliche, russische Familie; die Autorin orientiert sich dabei an ihrer persönlichen Situation. Die angeborene Neugier prädestiniert Dascha für analytisch-detektivische Aufgaben. Sie erlebt Abenteuer um Abenteuer, so etwa, wenn sie die Unschuld ihres Ex-Mannes am Mord seiner siebten Ehefrau zu beweisen sucht (In: «Der unschuldige Mörder»).

Psychologischer Tiefgang und Mitgefühl sind hier nicht angesagt, an ihre Stelle tritt die Aktion, allerdings wirken manche Stellen künstlich, der leichte Stil geht mitunter zu Lasten der Motivierung. Doch seis drum: Wer sich unterhalten möchte und auf Logik weniger Wert legt, der ist mit Donzowa gut bedient.

Einen Kontrapunkt zum weiblich dominierten Gegenwartskrimi setzt Boris Akunin. Bevor er sich ans Schreiben machte, hatte er den Markt wohl gut analysiert und entdeckt, dass die «neuen» und «alten» Russen neben Krimis schon immer gerne historische Romane lasen.

Historischer Krimi. Akunin siedelt das Verbrechen in der Vergangenheit an. Damit schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe und generiert eine neue Gattung: den russischen historischen Krimi. Sein Erfindungsreichtum hat drei Serien hervorgebracht, wovon die letzte noch nicht abgeschlossen ist. In allen drei Fällen handelt es sich um eine Kreuzung von Detektivroman und Thriller, die Handlung spielt vorwiegend im 19. Jahrhundert.

Akunins bekanntester Detektiv, der Kriminalpolizist Erast Petrowitsch Fandorin, verbindet die Analysefähigkeiten eines Sherlock Holmes mit der Unverwüstlichkeit eines James Bond. Er stammt ähnlich wie Holmes aus guter Familie, spricht mehrere Fremdsprachen und beherrscht das Zehn-Finger-System auf der Schreibmaschine.

Die feine Erziehung hält den Detektiv nicht von hemdsärmeligen Aktionen in aller Herren Länder ab. Im ersten Band zieht Erast Petrowitsch («Fandorin») von Moskau nach London, landet in der Themse, kehrt überraschend zum Leben und in die russische Hauptstadt St. Petersburg zurück; der zweite führt ihn auf den Balkan («Türkisches Gambit») und der dritte nach Japan («Mord auf der Leviathan»).

Dank der Abenteuerlust dieses Helden und seines fortschreitenden Alters › zu Beginn der Serie ist er blutjung, gegen Ende hat er graue Koteletten › kann Akunin die wichtigsten Stationen der vorrevolutionären russischen Geschichte thematisieren, ohne dabei in politisch motivierte Polemik oder Schwermut zu verfallen.

Ja, der Autor scheint bewusst gegen die Stereotype der russischen Geschichtsschreibung anzugehen. Weder das homogen gläubige, christlich-orthodoxe Russland, noch die nationale Einheit oder die Zäsur der Revolution, wie sie in historischen Romanen und russischen Geschichtsbüchern nahezu ausschliesslich vermittelt wurden, sind bei Akunin anzutreffen.

Für diesen respektlosen Umgang mit der nationalen Geschichtsschreibung mag er als gebürtiger Georgier und studierter Japanologe prädestiniert sein. Aber Akunin hat mehr als seine Herkunft zu bieten, er kennt auch die passende Schreibart.

Klassiker-Krimi. Akunin zitiert und parodiert, er treibt seinen Spott mit Klischees und den Klassikern der russischen Literatur. Kaum eine Textstelle, die nicht mehrere Quellen hätte. So beginnen Fandorins Abenteuer just im Mai 1876, als sich Tolstois Anna Karenina vor den Zug wirft. Während die einen sterben, leben die anderen auf. Ins Gegenteil verkehrt wird daneben die moralische Lehre Leo Tolstois: Fandorins unbeschwerte und ziemlich asexuelle Natur konterkariert den inneren Kampf mit den Leidenschaften, der dem Altmeister der russischen Literatur und seinen Helden so sehr zu schaffen machte.

Auch andere klassische Autoren wie Tschechow und Dostojewski werden ihres Tiefsinns beraubt. Durch die postmoderne Verpackung bietet Akunin nicht pure, sondern intellektuell geadelte, gehobene Unterhaltung. Das stellt in Russland ein Novum dar. Und die Intellektuellen, die immer und überall zu den eifrigsten Krimilesern gehören, goutieren diese Raffinessen des Schreibens.

Boris Akunin ist der heute meistgelesene russische Autor. Seine Bücher wurden mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt und bereits mehrfach, z. T. mit Starbesetzungen, verfilmt. Ein Ende dieser Karriere ist nicht abzusehen, denn Akunin produziert Buch um Buch.

Freilich kann der spielerische Umgang mit literarischen und historischen Ahnen auch provozieren. Manche Leser zeigen sich brüskiert. In einem Land, dem Literatur lange als heilig galt, ist dies nicht weiter verwunderlich. Der Absatz aber, den Akunins Texte erfahren, lässt die Diagnose zu, dass es mit der Renaissance des Nationalen und mit der nach Schuld und tiefer Sühne dürstenden russischen Seele nicht allzu weit her ist. Wie im Westen huldigt man auch in Russland dem Krimi als einer leichten Textsorte mit unterhaltsam präsentierten Verbrechen.

 

 

* Andrea Zink ist Lehrbeauftragte für Osteuropa-Studien am Slavischen Seminar der Universität Basel.

 

Literaturhinweise:

> Alexandra Marinina: «Widrige Umstände. Anastasijas sechster Fall». S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2003. 288 S., Fr. 16.50.

> Polina Daschkova: «Lenas Flucht». Aufbau Verlag, Berlin 2004. 233 S., Fr. 14.80.

> Darja Donzowa: «Der unschuldige Mörder». btb, München 2005. 384 S., Fr. 16.60.

> Boris Akunin: «Fandorin». Aufbau Verlag, Berlin 2001. 289 S., Fr. 15.80.

> Boris Akunin: «Türkisches Gambit». Aufbau Verlag, Berlin 2001. 245 S., Fr. 15.80.

> Boris Akunin: «Mord auf der Leviathan». Aufbau Verlag, Berlin 2202. 280 S., Fr. 15.80.