Im Osten viel Neues

29.06.2007 19:23

GEGENWARTSLITERATUR VON RIGA BIS SOFIA (c) Basler Zeitung, 27.06.2007

Im Osten viel Neues

GEGENWARTSLITERATUR VON RIGA BIS SOFIA

 

ANDREA ZINK*

˛ Die Geschichte einer gewalttätigen Familie, der Roman einer jungen Frau, das Schicksal eines überflüssigen Schriftstellers - neue Literatur aus Polen, Lettland und Bulgarien.

Noch selten hat man in der polnischen Literatur etwas über die schlesische Provinz gehört. Wojciech Kuczok schliesst diese Informationslücke - und nicht nur das. Mit seinem preisgekrönten Erstlingsroman «Dreckskerl» tritt der Autor überzeugend in die Fussstapfen von Franz Kafka und Thomas Bernhard. In einer aufsässigen, rhythmisch gestalteten Sprache macht er uns mit der Geschichte seiner gutbürgerlichen Familie bekannt. Dumm überhebliche Vorfahren wechseln sich mit naiven Trotteln, bigotten Tanten und zweitklassigen Künstlern ab. Vor allem aber ist diese Familiengeschichte eine Geschichte der Gewalt. In ihrem Zentrum stehen der alte K., ein Meister im Sprücheklopfen - «bei Frauen, Autos und Pferden weiss ich Bescheid, das steht fest» - und sein Sohn, der Ich-Erzähler.
Während den Vater auch die im Fernsehen ausgestrahlte Vierschanzentournee nicht von der Züchtigung seines Sprösslings, des «Dreckskerls», ablenken kann, wartet der Sohn auf einen Krieg, um gegen den alten K. ins Feld ziehen zu können. Der einzig reale Hoffnungsfunke, die Ausrufung des Kriegsrechts im spätsozialistischen Polen, erlöscht jedoch schnell. Und so kann sich der Erzähler am Ende nur in eine grandios-groteske Vision flüchten: Just über seinem Haus lässt der Dreckskerl einen Wolkenbruch niedergehen, und die gesamte Familie ertrinkt in der Jauche, die aus der Kanalisation nach oben dringt.

Teenagerperspektive. «Warum hast Du geweint», das neue Buch der lettischen Autorin Dace Ruksˇa¯ne, wirkt dagegen trotz seinem Titel lebensbejahend und leicht. Ruksˇa¯ne, die schon mit ihrem ersten, dezidiert weiblichen und erotisch untermalten Roman Aufsehen erregte, bedient sich hier der fingierten Teenagerperspektive. Mitte der 1980er-Jahre fliegt die 15-jährige Katrina in ein Bergsteigercamp im Kaukasus. Dort erwarten sie neben sportlichen auch sexuelle Herausforderungen. Sie verbringt ihre erste Liebesnacht mit Oleg, einem der russischen Bergführer.

Zwischen dieser Ferienepisode, die von einem inneren Hochgefühl begleitet wird, und dem darauffolgenden Alltag der Ich-Erzählerin mit seinen ernüchternden Ingredienzen wie Schule, Familie und Wochenendjobs oszilliert der Roman. Er entwickelt seinen Reiz aus der stilistischen Mischung von Naivität, Pathos und Sachlichkeit, wobei Ruksˇa¯ne sogar die Nähe zum Kitsch riskiert, um eine junge, feminine Stimme zu Wort kommen zu lassen.
Daneben überrascht die apolitische Dimension des Buches. Ob in Moskau oder Riga, im Kaukasus oder an der Ostsee - wir bekommen den normalen sowjetischen Alltag - und zwar als Normalität - zu Gesicht. Die politische Wende spielt für das individuelle Erleben der Heldin überhaupt keine Rolle.

Niedergang. Anders sieht dies Vladimir Zarev. Der bulgarische Autor macht den «Ausbruch der Demokratie» zum Dreh- und Angelpunkt seines Romans. «Verfall» lautet denn auch der symptomatische Titel seines neuen Romans, mit der die Lebenslage des Helden Martin Sestrimski - eines in sozialistischen Zeiten mässig erfolgreichen, nach 1989 überflüssigen Schriftstellers - treffend beschrieben ist. Arbeitslos, alkoholsüchtig und finanziell abhängig von der Ehefrau, versucht Sestrimski seinen Niedergang aufzuhalten, indem er eine populäre Story zu Papier bringt. So kommt es zum Roman im Roman: Sestrimski schreibt über den zweifelhaften Aufstieg und Fall seines ehemaligen Studienkollegen, der sich vom Fotografen zum Zigarettenhändler und sogenannten Privatisierer, einem skrupellosen Verkäufer ehemaligen Volkseigentums, wandelt. Diese doppelte, mit vielen Spiegelungen versehene Handlungsführung macht «Verfall» trotz seiner Längen zu einem Lesegenuss.

Ironie des Schicksals oder kluge Strategie? Was Sestrimski nicht gelingt, gelingt dem Autor. Durch die Übersetzung seines Romans wird Zarev, nach 1989 in einer ähnlichen Krise wie sein Held, über Nacht zum Star. Denn obwohl die bulgarische Literatur derzeit von Mafiageschichten überschwemmt wird, zählt ein einheimisches Buch, das andernorts und in einer anderer Sprache erscheint, fast wie ein Nobelpreis. Mag Zarev dabei auf den westlichen Markt geschielt haben oder nicht, mit «Verfall» hat er fürs Erste seinen Verfall gestoppt.

Morbidität. Zur Gattung der literarisch verbrämten Reiseführer gehört der essayistische Fotoband «Galizien-Bukowina-Express», eine Zusammenarbeit der Brüder Prochasko aus der Ukraine und der polnischen Fotografin Magdalena Baszczuk. Explizit distanzieren sich die Autoren von der modischen Galizien-Nostalgie. Vermehrt werden deshalb Informationen zur jüngsten ukrainischen Geschichte und zum Alltag in der westukrainischen Provinz geboten. Sehnsucht nach der Habsburger Monarchie wird so wohl kaum geschürt, doch dürften die Autoren den Mythos von einer traurigschönen, in ihrer Morbidität zu konservierenden Gegend reproduziert haben. Anders als der Bulgare Zarev stilisieren sie den Verfall. Und so bleibt als Fazit: Wer hierzulande von Galizien mit seinen heruntergekommenen monarchistischen Spuren träumt, wird auch dieses Buch mögen.

*Andrea Zink ist habilitierte Slawistin und Lehrbeauftragte an den Universitäten Basel und Bern.